Fahrt nach Mahabaleshwar
Es sind eigentlich nur ca 160 km von Pune in Maharastra, zur Mahabaleshwar Hill Station in den Westghats, dem westlichen Randgebirge des indischen Subkontinentes, aber die Strecke zieht sich. Zunächst durch den typisch chaotischen Stadtverkehr in Pune, vorbei am Ganesha Tempel mit einem Fenster, vor dem die Gläubigen auf der Strasse stehend ihre Handies recken, um ein Bild der von hier aus sichtbaren Götterstatue im Sanctum Sanctorum zu schießen. Vorbei am quirligen Straßenmarkt, bei Google Maps in heilloser Untertreibung “belebtes Viertel” genannt. Unterhalb des Tempelberges „Parvati Hills“ aus der Stadt hinaus in die Vororte, schließlich auf den Highway in Richtung der Berge. Diese tauchen, wie schon so oft auf unserer Reise durch den westindischen Staat Maharashtra, recht unvermittelt aus dem Dunst auf, und schon windet sich die, immer noch mehrspurig ausgebaute Straße mit vielen steilen Kehren in die Höhe. Es dauert einige Zeit, in der wir Meter um Meter den Höhenunterschied zwischen der Ebene von Pune und der Hochebene von Mahabaleshwar überwinden. Als die Straße endlich wieder ohne Steigung und Kurven verläuft, befinden wir uns ca 600 m höher als bei unserer Abfahrt am Morgen und gleichzeitig in einer vollkommen anderen Welt.
Die Hochebene in den Westghats, zeigt ihren Wohlstand und den ihrer Bewohner. In der Vergangenheit verdankte sie ihn vor allem der Landwirtschaft auf fruchtbarem Boden, später war diese Gegend Rückzugsort und Sommerfrische der Briten. Kein Wunder, daß hier bereits die Kolonialmacht große Ländereien in Besitz nahm und zu Plantagen oder Landgütern umgestaltete. Die Namen an den die Einfahrten flankierenden Säulen zeugen von den einstigen Eroberern. Nun kommt der Wohlstand vorwiegend durch die inländischen Touristen aus Pune und Mumbai.
Bereits im Hotel in Pune riet man uns, in Mahabaleshar die hiesigen Erdbeeren zu kosten, nun erkennen wir: hier dreht sich alles um Erdbeeren. Überall werden sie, zu kleinen Pyramiden aufgeschichtet, von Straßenhändlern angeboten oder in größeren Shops verkauft. Dort bietet man aber nicht nur die Früchte an, sondern auch Erdbeersaft, Erdbeermarmelade und Erdbeereis, jede erdenkliche Form von verarbeiteten und unverarbeitetem Erdbeeren sind im Angebot - das Paradies für Erdbeerfans. Auf unsere Bitte nach einer Pause hält der Fahrer vor einem riesigen Gebäudekomplex und wir trauen unseren Augen nicht: Es ist ein Einkaufszentrum für Erdbeerprodukte, gestaltet wie ein europäisches Gartencenter, nur viel größer. Es gibt neben der Möglichkeit zur Besichtigung der Fabrikation der Erdbeerprodukte auch einen Spielpark für Kinder, einen künstlichen Wasserfall, einen Food-Court und diverse andere Möglichkeiten, sein Geld außer für Erdbeermarmelade für anderes auszugeben. Der Weg zum Ausgang führt durch einen Supermarkt, in dem der Eigentümer dieses Einkaufs-Spaß-Paradieses noch einmal alle seine Produkte als Eigenmarken zum Kauf anbietet.
Unser Fahrer drängt zur Eile, er muß ja noch die gesamte Strecke bis Pune am Abend zurück fahren. Leider stockt der Verkehr ab hier mmer mehr, es geht auf den engen Straßen mit Gegenverkehr nur noch im Schrittempo voran. Überall, wo Erdbeeren verkauft werden, parken Autos auf der Straße für einen kurzen Einkauf und versperren so das Vorankommen der anderen. Kurz vor dem eigentlichen Ort Mahabaleshwar wird schließlich an einer Mautstelle eine Art “Eintrittsgebühr” verlangt, eigentlich eine sinnvolle Maßnahme, um den Verkehr zu reduzieren, hier führt es aber auch zu einem langen Stau, die Fahrzeuge kommen nur langsam unter lautem Gehupe voran. Auch im Ort scheinen alle Touristen gleichzeitig in die Autos gestiegen zu sein, die Durchfahrt des kleinen Ortes ist praktisch dem Verkehrsinfarkt erlegen.
Endlich kommen wir im Hotel an, einem kleinen Resort mit Rollrasenflächen, einem eiskalten Pool und mehreren Bungalowblocks an einem Hang. Nach dem Einchecken erkunden wir den Ort und sind baß erstaunt ob der frappierenden Ähnlichkeit mit europäischen Ferienorten, z.B. am Mittelmeer: Eine riesige Menschenmenge wälzt sich durch die kleine, mit einer Metallbarriere notdürftig verkehrsberuhigte Hauptstraße. Neben den typischen indischen Straßenhändlern bieten mehrere, etwas größere Geschäfte die üblichen Waren für den Bedarf von Touristen an. Hier hat man sich insbesondere auf wärmende Kleidung für die in der Höhe frierenden indischen Großstadtbewohner spezialisiert. Diese kommen vorwiegend aus Mumbai und Pune, wir sehen aber auch viele Fahrzeuge mit Kennzeichen des weiter nördlich gelegenen Bundestaates Gujarat. Wir sind einfach nur erschlagen von der Masse der einheimischen Touristen in diesem kleinen Ort; ein nicht zu übersehendes Zeichen des wachsenden Wohlstandes der in den letzten Jahren entstandenen Mittelschicht.
Der Chandoli Nationalpark bei Amba
Einige Tage später reisen wir weiter nach Amba, einer weiteren Hill Station, sie ist gelegen in der Nähe des Chandoli Nationalparks. Von dort machen wir zwei Touren mit Jeeps in den Wald oberhalb von ca. 750m. Viele der Hügel, die wir bei der Anreise gesehen haben, sind kahl, hier aber steht noch der tropische Monsunwald. Es ist nicht ganz klar, ob es der ursprüngliche Wald ist, Urwaldriesen fehlen, das Unterholz ist nicht sehr dicht. Die Region gehört zur Pufferzone des Chandoli Nationalparks, der sich etwas weiter im Norden befindet. Die größten Säugetiere sind Gaurs (hier Bisons genannt), es gibt auch Wildschweine, Rehe, Pangolins (Schuppentiere) und Rieseneichhörnchen. Die Einheimischen erzählen sogar von Begegnungen mit Leoparden. Bei der morgendlichen Fahrt zum Wasserloch sind wir offenbar schon zu spät, wir sehen keine Tiere, aber bei der Rückfahrt kreuzen zwei Gaurs die Straße direkt vor uns und fressen sich langsam durch den Wald neben unserem Jeep. Am Tag zuvor hat unser Guide eine hellgrüne Schlange aus dem Gebüsch neben der Straße geholt - im Waldmuseum in Amba identifizieren wir sie als „halbgiftig“.
Die den Ort umgebende Natur ist überwältigend, auch wenn der Wald sich eigentlich nicht sehr von einem europäischen naturbelassenen Laubwald unterscheidet.
Aber trotz der beeindruckenden Natur haben die Inder selbst im Nationalpark die Angewohnheit, ihren Müll ohne Bedenken zu entsorgen. Als wir am nächsten Tag zu einer Fahrt ins Naturreservat im Jeep sitzen, fliegt z.B. bei einem Halt an einem Aussichtspunkt eine leere Chipstüte von der Plattform auf dem Dach des Jeeps in den Straßengraben, zu den leeren Plastikflaschen und Unmengen anderen Mülls, der dort bereits liegt und nicht verrottet. Man ist ja schließlich an einem Aussichtspunkt.
Die Angehörigen der gerade entstehenden, indischen Mittelschicht werden mobil, sie reisen mit dem Auto in den Urlaub und erkunden ihr eigenes Land. Bei den Menschen, die ein Photo mit uns machen möchten, frage ich immer, wo sie herkommen. Manche sind verdutzt, obwohl sie uns gerade eben die selbe Frage gestellt haben, und antworten „India“, ich frage daher etwas spezifischer „From which State?“ und die Orte liegen zum Teil mehrere hundert Kilometer entfernt. Diese langen touristischen Reisen mit der (erweiterten) Familie generieren Umsatz, daraus entstehen Investitionen. Ich erfahre, daß die ersten Resorts in Amba erst vor ca 10 Jahren eröffnet wurden, mittlerweile ist ihre Zahl bereits auf rund 40 angewachsen. Die Inlands-Touristen lassen Geld da. Die jeweilige Dauer der Aufenthalte ist zwar kurz, wir nehmen zur Kenntnis, daß viele Familien nach ein, spätestens zwei Übernachtungen bereits weiter fahren, aber der einheimische Tourismus boomt. Die Touristen buchen bei ihren Aufenthalten so viele Events wie möglich, damit sich die lange Anreise lohnt. Das bedeutet, daß die Sehenswürdigkeiten meist sehr überfüllt sind, befeuert von der Instagram-Maschine. Und es bedeutet eben auch, daß die Menschen ihren Müll überall achtlos hinterlassen. An einigen bekannten Orten wird der Müll entsorgt, bei diesen touristischen Hotspots sehen wir Frauen, welche die Wege fegen und den Müll einsammeln, aber auf den Zufahrtswegen zu den Parkplätzen und an weniger prominenten Orten liegen oft große Mengen an Müll im Gebüsch. Selbst am Wasserloch mitten im Naturpark gibt es am Auslauf des Sees einen Teppich aus leeren Flaschen auf der Oberfläche. Wie es am Boden des Sees aussieht, möchte man sich nicht einmal vorstellen. Warum gehen die Menschen so achtlos mit ihrer Umwelt um? Warum nutzen die Aufklärungs- und Erziehungsmaßnahmen der Regierung und der Umweltorganisationen nichts?
Selbst wenn nur ein kleiner Anteil der Menschen keine Müllentsorgung macht, so akkumulieren sich die nicht zersetzbaren Hinterlassenschaften von der schieren Menge an Menschen, welche die Ausflugsorte besuchen, zu einem massiven Problem. So sehr man es den Indern zugesteht, daß sie ihren aufkommenden Wohlstand genießen, so sehr wünscht man sich, daß sie nicht die gleichen Fehler machen, welche in den Boom-Zeiten der Nachkriegsjahre in Europa gemacht wurden. Auch bei uns fingen damals die Menschen an, zu reisen. Sie konsumierten, kauften Autos, wurden mobil. Auch bei uns wurden viele Flüsse und Gewässer massiv verschmutzt, nur waren die Verpackungen damals noch nicht vorwiegend aus Plastik, so daß sie sich besser zersetzten. Auch bei uns wurden Autobahnen gebaut und bestehende Infrastruktur verbessert, so daß der Wohlstand nicht auf die Städte beschränkt blieb, sondern auch das flache Land erreichte. Erst später kamen die Kläranlagen und eine rigorosere Umweltgesetzgebung.
Indiens Transformation
Die gleiche Transformation sieht man nun in Indien: Wenn man mit dem Auto durch das riesige Land fährt, passiert man allerorts laufende Straßenbauprojekte. Auf dem Land werden breite Schneisen planiert, dabei ist man nicht zimperlich mit der bestehenden Bebauung: man sieht oftmals in der Mitte geteilte Häuser, deren zur Straße gewandte Hälfte bereits abgebrochen ist. Die im Rest-Haus entstandenen Lücken wurden notdürftig zugemauert. In vielen mittelgroßen Städten werden Hochbahnen („Metros“) nach pragmatischem Muster geklont, in den größten Städten wird das Metronetz rasant ausgebaut. Bestehende „National Highways“ werden ebenfalls ertüchtigt, komplett neue Fernverbindungen geplant und diese Projekte werden tatsächlich im Rekordtempo umgesetzt. Seit ich das Land vor ca 15 Jahren zum ersten Mal bereiste, haben sich Fahrzeiten mit dem Auto drastisch verkürzt. Als persönliche anekdotische Evidenz möchte ich die Reisezeit zwischen Bangalore und der alten Residenz Mysore anführen: Im Jahr 2009 benötigte ich bei einer Taxifahrt mehr als 4 Stunden, die Straße war miserabel, mehr eine Piste mit Schlaglöchern denn eine echte Straße. Ich habe die gleiche Strecke im Jahr 2019 erneut zurück gelegt, der Highway wurde inzwischen größtenteils mit zwei Spuren je Fahrtrichtung ausgebaut, kurz vor Mysore fehlten noch einige Kilometer Ausbaustrecke. Aber die Fahrtzeit hatte sich deutlich auf ca. 2,5 Stunden verkürzt.
Man spürt allenthalben die Aufbruchsstimmung, kein Wunder, daß in einem weltweiten Ländervergleich bei einer Umfrage im Jahr 2023 die Einwohner Indiens am zuversichtlichsten in die Zukunft blicken (86% der Inder sind „generell optimistisch, was die Zukunft ihres Landes angeht“, Studie des European Council on Foreign Relations ECFR, 2023). Das Land boomt, Gelder sind offenbar vorhanden und diese werden investiert. Möglicherweise versickern immer noch viel zu viele Mittel im Beziehungsgeflecht zwischen politischen Auftraggebern und privaten Auftragnehmern, die Korruptionsrate in Indien ist unverändert hoch. Dennoch werden die genannten Projekte umgesetzt und die Bürger profitieren davon.
Im Jahr 2023 wurde bekannt gegeben, daß die indische Fluglinie IndiGo bei Airbus 500 Maschinen bestellen möchte. Der bislang größte Einzelauftrag für den Flugzeugbauer ist gleichzeitig auch ein weiterer Hinweis auf die stark steigenden Bedürfnisse nach Mobilität innerhalb Indiens. IndiGo ist eine Billigfluglinie, welche vorwiegend innerindische Strecken bedient. Man kann erwarten, daß mit diesen neuen Flugzeugen in Zukunft die indische Mittelschicht durch das Land reist.
All diese Beispiele zeigen, daß in Indien der Wohlstand steigt. Möglicherweise bleibt das Wachstum zunächst auf bestimmte Bevölkerungsschichten beschränkt, andere, z.B. das riesige Heer von Landarbeitern, werden vermutlich in absehbarer Zeit weiter abgehängt bleiben.
Man darf und muß den Menschen in den ehemaligen „Entwicklungs- und Schwellenländern“ zugestehen, ihren immer noch bescheidenen Wohlstand zu genießen. Darf man ihnen vorschreiben, wie sie mit den Ressourcen umzugehen haben, welche die vorhergehenden Generationen der „westlichen Welt“ bereits ausgebeutet und über Gebühr beansprucht haben? Es sind in Indien durchaus Zeichen zu erkennen, daß man dort nicht den gleichen Weg einschlägt, wie vor 70 Jahren der „Westen“. Es gibt Windkraftanlagen, riesige Solarfarmen und auch kleine lokale Solarpanels bei Privatleuten. Im TV läuft Werbung für e-Scooter und elektrische SUVs, auf den Straßen sieht man öfters grüne Nummernschilder, das Zeichen, daß es sich um Elektrofahrzeuge handelt. Selbst die allgegenwärtigen „Auto-Ritschkas“ gibt es mittlerweile in einer e-Version. Es werden in Indien einige Entwicklungsschritte übersprungen, die man im Westen damals gegangen ist und man ist durchaus bereit und in der Lage, auch moderne, zeitgemäße Technologien einzusetzen. Aber die schiere Anzahl der Einwohner und der enorme Bevölkerungszuwachs sowie die zahlenmäßig explodierende neue Mittelschicht, die ihren erworbenen Wohlstand genießen möchte, all dies scheint alle Anstrengungen für eine ressourcenschonende Entwicklung zunichte zu machen.
Bei unserer Reise durch Maharashtra haben wir viele vielversprechende Ansätze gesehen, wie Indien selbstbewußt seinen eigenen Weg geht. Die Fahrt von Pune nach Mahabaleshwar und Amba brachte die vielen positiven und negativen Eindrücke zusammen, die für uns das Bild des modernen Indiens prägen. Wir wünschen uns, daß die positiven Ansätze langfristig überwiegen, so daß sich die Hoffnungen der Einwohner Indiens auf eine bessere Zukunft bestätigen. Es ist ihnen zu wünschen.

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