Der Weg als Gleichnis für das Leben


 Bei meiner Wanderung auf dem Jakobsweg von Cluny nach Le-Puy-en-Velay kamen mir diese Gedanken: Man kann viel von einer solchen Weitwanderung auf die Wanderung auf dem Pfad des Lebens übertragen. Lest selber und schaut, ob ihr diese Analogien ebenfalls feststellen könnt.


Man macht einen Plan, daheim, komfortabel und sicher. Man setzt sich Ziele, Zwischenziele, dann schaut man, wie man diese erreicht, von À über B nach C, vielleicht noch schnell bei D vorbei schauen. Alles theoretisch, daheim am Kamin.
Die praktischen Vorbereitungen beginnen: was braucht man, was kann man weggelassen. Was war beim letzten Mal nützlich, was fehlte. Welche Unwägbarkeiten können auftreten und was könnte man gebrauchen, um sie zu meistern. Aber immer die eigenen Kräfte und bisherigen Erfahrungen beachten, nicht zu weit planen, nicht zu viel Ballast mitschleppen.

Dann geht es los: die ersten Schritte, ungewohnte Belastung, bald geht es flüssiger; aber Vorsicht, am Anfang nicht überlasten! Bald hat man sich an den neuen Rhythmus gewöhnt, anders als daheim kommen jeden Tag neue Herausforderungen auf einen zu, an die man daheim natürlich nicht gedacht hat. Einige der mitgebrachten Dinge sind nützlich, andere erweisen sich als unnütz - man zieht neue Lehren, erweitert die bereits bestehenden Erfahrungen. 
Der Blick geht nach Vorn, auf den Weg: Wo setze ich den nächsten Schritt? Wie weit geht die Steigung noch? Ist das Tagesziel bereits in Sicht? Hat man eine Anhöhe, ein Zwischenziel erreicht, kann man etwas erholen, der Blick wird weiter, und man erkennt, daß es eben nur ein Zwischenziel war. Hinter jeder erfolgreich erklommenen Hügelkette türmen sich weitere, vielleicht erst in einigem Abstand, aber sie sind da, verstellen den Horizont und den ersehnten Blick in die Unendlichkeit, auf den Ozean.
Am Abend ruht man aus, erholt sich vom Tag, plant bereits den nächsten. Auch hier ist man wieder mit dem Weg beschäftigt, ruhiger zwar, mit weniger Anstrengung, aber man ist beschäftigt.

Irgendwann, nach einiger Zeit, ergibt sich ein guter Zeitpunkt zum Innehalten, zum Zurückschauen. Vielleicht an einem Aussichtspunkt. Man erkennt, was man alles erreicht hat, identifiziert Orte, an denen man vor Kurzem noch war, die damals vielleicht Anstrengung bedeuteten, im Rückblick aber nur einen weiteren erfolgreich gemeisterten Meilenstein bedeuteten. Gleichzeitig geht der Blick schon wieder nach vorn: wo wird der Weg verlaufen? Diesen Berg hoch, oder darum herum? Wird es leichter werden, oder am Ende sogar noch schwieriger? Ist womöglich eines Ziele bereits in Sicht, ohne daß ich es bereits erkenne?
Wo ist ein guter Punkt für die nächste Rast? Wann ist das endgültige Ziel erreicht? Was kommt danach?

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