Reise nach Santiago


Reise nach Santiago

Es ist ein Tag, an dem es nur einmal regnet. Früh am Morgen ging es los, zunächst als feiner, kaum wahrnehmbarer Schleier. Nun, am Nachmittag, füllt ein stetiges, nicht mehr versiegen wollendes Rinnsal die Wasserfässer hinter dem Haus, als Vorrat für die sicher kommenden, trockenen Sommerwochen. Das Feuer im Ofen verlangt Nahrung, jede Stunde ein oder zwei Scheite, zunächst lodert es aus der grauen Glut kraftvoll auf, nur um kurz darauf in das bereits bekannte beruhigende Flackern überzugehen, es verbreitet genug Wärme zum angenehmen Sitzen im Wohnraum und durch die offenen Türen hält es den etwas höher gelegenen Rest des Hauses komfortabel warm, ohne zu überheizen.

Schon die zweite Kanne Tee steht auf dem Stövchen, einem Utensil, das nicht sonderlich bekannt zu sein scheint in diesem Land ohne ausgeprägte Teekultur, in dem ich gerade lebe. An einem regnerischen Tag wie diesem bevorzuge ich einen kräftigen Ostfriesen oder sogar einen malzigen Assam, der mich durch die graue Trägheit der Zeit bringt, genauso dahin fließend wie die immerwährend plätschernde Musik. 
Hin und wieder mit einem Blick auf die Flammen, lese ich auf der Suche nach Inspiration für meine eigenen literarischen Versuche die Essays eines Mannes aus einem Land in Zentraleuropa, der vor 30-40 Jahren mehrfach ein anderes, in südeuropäisches Land bereiste. Vor Jahrhunderten lieferten sich die damaligen Herrscher seines Gastlandes einen 80jährigen Krieg mit den abtrünnigen Provinzen in seinem Herkunftsland. Dieser Krieg, von dem ich in seinen Berichten zum ersten Mal las, hat offenbar einen prägenden Eindruck in der Geschichte seines Herkunftslandes hinterlassen, er erwähnt oft Namen und Begebenheiten, die man ihm offenbar bereits in der Schule beigebracht hat. Es ist ja auch sehr eindrucksvoll: der damalige König regierte aus seinem neu erbauten Riesenpalast in der südlichen Einöde über solch ein weit verstreutes Herrschaftsgebiet, daß er die nach Unabhängigkeit strebenden einzelnen Provinzen im Norden nicht mehr unter seiner Kontrolle halten konnte. Dieser Krieg ist lange Vergangenheit, nun sind beide Länder seit Jahrzehnten Mitglied der EU. In den Jahren jedoch, in denen die Reiseberichte entstanden, die ich nun lese, war das südeuropäische Land, zusammen mit seinem kleineren Nachbarn, gerade erst in das damals noch junge Europäische Bündnis eingetreten. Ich erinnere mich sehr genau an die Stimmung, die er beschreibt, denn zufälligerweise war ich ebenfalls dort unterwegs, nicht ahnend, daß ich 33 Jahre später Essays eines Mannes zu lesen bekäme, der damals im gleichen Alter war wie ich heute bin und der damals die Aufbruchsstimmung auf der gesamten iberischen Halbinsel einfing.

Ich versuche mich als Kopist des Stiles eines Mannes, den ich nie kennen gelernt habe, etwas älter als mein eigener Vater, Zeit seines Lebens Schriftsteller und Journalist, der im gleichen Sommer wie ich das gleiche Riesenland bereiste. Offenbar war er ähnlich überwältigt von der Vielfalt der Landschaften und Kulturen seiner Provinzen wie ich damals, er reiste nur deutlich mobiler mit eigenem Wagen und kam komfortabel in vom Staat als Hotels betriebenen, ehemaligen Palästen unter, während ich unterwegs mit der Bahn, ausgerüstet mit Zelt, Rucksack und Kocher Teile des Landes erkundete. Dennoch sind mir seine Beschreibungen der Stimmung dieser Zeit seltsam vertraut, auch erinnere ich mich an einzelne Ortsnamen und halte hin und wieder mit der Lektüre inne, um mit meinen wenigen Photograpien von dieser Reise mein Gedächtnis daran aufzufrischen.

Es besteht eine seltsame Verbindung zwischen mir und dem mir bis dahin unbekannten Autor: Beide waren wir auf dem Weg, oder, wie er schreibt, „Umweg“ zum jahrhundertelangen Ziel europäischer Pilgerscharen, der Stadt Santiago de Compostela. Dieser Pilgerweg, benannt nach dem biblischen Heiligen St. Jakob, erlebt heute wieder große Beliebtheit. Eigentlich sind es viele Wege mit dem gleichen Ziel, dem damaligen „finis terrae“ oder „Ende der Welt“. 



Die blau-gelben Wegweiser in Form einer Muschel habe ich bereits in Nordeuropa, in meiner deutschen Heimat und an entlegenen Stellen in meiner aktuellen Wahlheimat gefunden, das markierte Wegenetz zieht sich mittlerweile durch ganz Europa. Die Wegweiser zeigen das uralte Erkennungszeichen all der Pilger: eine Muschel, benannt nach dem Namen des Heiligen, zu dessen Gebeinen die Menschen pilgerten, das Herz der Muschel immer in Richtung des Pilgerziels weisend und darüber dem Wanderer die nötige Orientierung gebend. 
Heutzutage strömen jedes Jahr wieder Tausende von Menschen die ausgetretenen Pfade entlang, wie sie das schon vor Jahrhunderten taten. Man sagt, Einsamkeit und Zurückgezogenheit finde man auf diesem Weg heute nicht mehr. Die Motive der heutigen Pilger sind sicher andere als die der Menschen, die damals loszogen, um am Ende des Weges ihrer Sünden (oder die ihrer Auftraggeber) ledig zu werden. Und wer weiß, wie viele Sünden sie auf dem monatelangen Rückweg begingen? Da haben es die heutigen Pilger leichter, denn sie treten den Rückweg meist mit modernen Verkehrsmitteln an, das geht schneller und verringert die Versuchung, schon auf dem Rückweg erneut erneut Sündenfall zu erliegen. 

Das Feuer ist erneut niedergebrannt, die Teetasse vor mir ist leer, es regnet immer noch und ich bin gespannt auf weitere Erlebnisse des Schriftstellers aus einer Zeit, in der er und ich, ohne uns zu kennen oder zu begegnen, das gleiche Land bereisten und die gleichen Orte besuchten.



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